Tagung zum 25-jährigen Jubiläum von prometheus

Out of Frame – 25 Jahre prometheus zwischen Struktur und Vision

30.09.–2.10.2026, InnoDom Cologne, Weyertal 109, 50931 Köln

Vor 25 Jahren entwickelten wir die Idee von prometheus und starteten ein Jahr später am 1. April 2001 das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung & Lehre in der Kunstgeschichte und weiteren bildbasierten Disziplinen. Seit dieser Zeit hat prometheus die Transformation der Geisteswissenschaften im Hinblick auf technologische Entwicklungen aktiv begleitet und Veränderungsprozesse durch lebendige Impulse in der Community vorangetrieben und mitgestaltet. Die regelmäßigen prometheus-Tagungen waren stets ein Treffpunkt für visionäre Beiträge und richtungsweisende Diskussionen. Diese trieben nicht nur die innovative Weiterentwicklung des Bildarchivs voran, sie stärkten auch das Netzwerk der prometheus-Gemeinschaft und machten prometheus zu einem wichtigen Akteur im Aufbau einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur für materielle und immaterielle Kulturgüter.

Auf unserer Tagung zum 25-jährigen Jubiläum wollen wir unter dem Titel „Out of Frame – 25 Jahre prometheus zwischen Struktur und Vision” vom 30. September bis 2. Oktober 2026 mit Stolz und Freude kurz innehalten und zurückschauen, um schließlich Fragen rund um die Transformation der Geisteswissenschaften im Kontext der technologischen Entwicklungen zu stellen. Welche Vision einer bildbasierten Forschung haben wir? In welche Richtung sollte und muss prometheus sich weiterentwickeln? Was müssen wir heute angesichts eines disruptiven Wandels durch generative künstliche Intelligenz an den geisteswissenschaftlichen Institutionen verändern, wenn sie auch in Zukunft relevant bleiben sollen?

Wir laden ein zu „Out of Frame”, um mit Euch und Ihnen diese Fragen zu diskutieren, uns zu vernetzen und miteinander heute Strukturen für morgen zu verändern.

SAVE THE DATE und feiert mit uns den 25. Geburtstag von prometheus in Köln.

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Programm

30. September 2026

19:00 Uhr Keynote von Björn Ommer (LMU München):
We Don’t Need More of This* AI
Es wird viel darüber gesprochen, dass wir „mehr KI“ in Unternehmen, Schulen, Wissenschaft, Verwaltung und Alltag brauchen. Gleichzeitig wachsen die Bedenken hinsichtlich ihrer Nebenwirkungen.

Aber mehr wovon eigentlich?

Dieser Vortrag wirft einen ausgewogenen Blick auf KI – weder utopisch noch dystopisch – und betrachtet, wie sie zu mehr als nur Software wird: zu einer Infrastrukturschicht, über die Gesellschaften arbeiten, lernen, forschen, kommunizieren und Entscheidungen treffen. Die entscheidende Frage ist längst nicht mehr, ob wir mehr oder weniger KI wollen. Sondern welche Art von KI wir wollen – und welches Modell der Wertschöpfung durch KI.

Dabei geht es nicht nur um Technologie, sondern auch um die Frage, ob Europa die Handlungs- und Gestaltungsmacht besitzt, die Zukunft mitzuprägen, in der es leben wird.
danach Empfang

1. Oktober 2026

09:00 Uhr Begrüßung und Einführung
09:30–11:00 Uhr SEKTION 1: Forschungsdaten (Moderation: Lisa Dieckmann, Universität zu Köln)
In der Sektion ‘Forschungsdaten sollen unter dem Tagungsmotto ’Out of frame’ Perspektivwechsel vorgenommen und jene Aspekte sichtbar gemacht werden, die eher selten im Fokus stehen. Metadatenmodelle entscheiden, was beschreibbar, auffindbar und damit auch wissenschaftlich relevant wird. Eine gezielte Anreicherung von Metadaten, etwa durch semantische Verknüpfungen oder Normdaten, kann diesen Rahmen erweitern, Forschungsdaten kontextualisieren und die Zugänglichkeit und Auffindbarkeit verbessern. Dies sollte nicht nur ausschließlich durch Institutionen geschehen, sondern durch die Community. Kommentare, Bildbewertungen oder Verknüpfungen mit Wikidata eröffnen neue, plurale Sichtweisen auf Datenbestände. Darüber hinaus stehen auch die Inhalte auf dem Prüfstand beispielsweise beim Umgang mit diskriminierenden Begrifflichkeiten, die in historischen Daten oder bestehenden Metadatenstrukturen enthalten sind. Aufgabe ist, diese kritisch zu reflektieren und transparent zu kontextualisieren. Auch das Konzept der Enhanced Publications sprengt den traditionellen Rahmen wissenschaftlichen Publizierens. Forschung wird nicht mehr nur über abgeschlossene Ergebnisse wie Dissertationen sichtbar, sondern auch über Zwischenergebnisse, Forschungsdaten, Bildkorpora oder strukturierte Texte.


Antje Schmidt (Deutsches Schifffahrtsmuseum, Bremerhaven): Metadata is not neutral – Über Zwangsjacken und Datensilos und wie man sich aus ihnen befreien kann

Metadatenmodelle wurden geschaffen, um die Interoperabilität zwischen Systemen zu ermöglichen und Daten in strukturiert verwaltbare, durchsuchbare und gemeinsam nutzbare Ressourcen zu verwandeln. Wissenschaftlich relevant wird oft nur das, was über Vokabulare und Normdaten vernetzt, standardisiert und auffindbar ist. Doch wer bestimmt diese Standards? Meist der globale Norden und westliche Institutionen. Was fällt dabei jeweils weg bzw. bleibt unsichtbar?
Jedes Metadatenmodell ist ein ideologisches Korsett, wenn man so will auch eine Zwangsjacke. Anhand verschiedener Beispiele aus dem Museumsbereich zeigt der Beitrag die Herausforderungen von Metadatenmodellen im Kontext von Forschungsdaten und welche Möglichkeiten es gibt, diesen zu begegnen und dadurch ihre Zugänglichekit und Nutzbarkeit für unterschiedliche Anwendungsszenarien zu verbessern.
Dr. Antje Schmidt ist Leiterin des Fachbereichs Dokumentation und Herkünfte am Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven – Leibniz Institut für Maritime Geschichte. Sie ist Kunsthistorikerin und Expertin für digitales Kulturerbe mit langjähriger Erfahrung in der Digitalisierung, Dokumentation, Veröffentlichung und Vernetzung von musealen Sammlungen mit dem Fokus auf innovativer Formatentwicklung, partizipativer Wissensproduktion und -vermittlung und Open Data.

Sonja Gasser (SKKG, Winterthur): Daten und Metadaten reflektieren: Für eine diskriminierungskritische Sammlungsdokumentation

Einst gebräuchliche rassistische und anderweitig diskriminierende Begriffe sind über Kunstwerke und Objekte in Sammlungen eingegangen. In der Sammlungsdokumentation tauchen von Künstler:innen, im Kunsthandel oder von Museumsmitarbeiter:innen genutzte Begrifflichkeiten auf. Bei der Veröffentlichung von Informationen über Sammlungsobjekte in digitalen Sammlungen stehen Kulturinstitutionen vor der Herausforderung, diskriminierendes Vokabular und Darstellungen nicht unreflektiert zu reproduzieren und zugleich historische Quellen und Kontexte nicht unsichtbar zu machen. Wie können Museen und andere Sammlungsinstitutionen mit Objekten umgehen, deren Motive, überlieferten Titel und Beschreibungen diskriminierende Inhalte transportieren? Es gibt verschiedene Ansätze für einen diskriminierungskritischen Umgang, aber keine einfache, auf alle Objekte übertragbare Lösung. Bei sprachlichen Anpassungen oder einer eingeschränkten Sichtbarkeit bestimmter Begriffe und Darstellungen ist Vorsicht geboten, damit historische Kontexte weder verflacht, noch verändert oder verfälscht werden. Gefragt ist eine reflektierte Sammlungsdokumentation, die Transparenz schafft und sich kritisch mit Diskriminierung auseinandersetzt.
Sonja Gasser ist seit 2022 als Projektleiterin Dokumentation und Information bei der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) in Winterthur für die «Sammlung digital» (https://digital.skkg.ch) verantwortlich. Die Kunsthistorikerin und digitale Geisteswissenschaftlerin promovierte 2022 an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Dissertation «Transformative Digital Collections of Art – Data in Museums and Digital Art History» erschien 2025 open access bei Bielefeld University Press, ihr Buch «Digitale Sammlungen» mit der Auswertung einer Nutzer:innen-Umfrage 2024 im transcript Verlag. Von 2020 bis 2022 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Digital Humanities an der Universität Bern. Von 2017 bis 2020 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Grafischen Sammlung am Kunsthaus Zürich. Den Mono-Master in Kunstgeschichte mit Ausstellungs- und Museumswesen schloss sie an der Universität Bern ab, ebenso den Bachelor in Kunstgeschichte und Geschichte. Sie ist Mitgründerin des Webforums «Digitale Sammlungen» (https://vernetzt.museum/) zum Austausch über digitale Museumsthemen in der Schweiz und darüber hinaus.

Maria Effinger (UB Heidelberg): Das fünfte Element: Enhanced Publications als Tor zu einem neuen Level

„Enhanced Publications“ erweitern die klassische Publikation um Materialien und Verknüpfungen, die im gedruckten Buch oder Aufsatz außerhalb des eigentlichen Publikationsrahmens bleiben. Sie eröffnen damit einen Übergang „out of frame“: Aus einer abgeschlossenen Veröffentlichung kann ein vernetzter Wissensraum werden, in dem Text, Bild, Quellen, Forschungsdaten und weitere Ressourcen gemeinsam nutzbar werden. Der Vortrag nimmt diese Entwicklung aus der Perspektive der Universitätsbibliothek Heidelberg und ihrer Fachinformationsdienste, insbesondere arthistoricum.net, in den Blick. Anhand erster Publikations- und Editionsprojekte wird gezeigt, welche Möglichkeiten sich dabei eröffnen, welche infrastrukturellen Voraussetzungen erprobt werden und welche Fragen noch offen sind.
Der Titel ist bewusst als Anspielung auf den Film „Das fünfte Element“ gewählt: Wie dort das fünfte Element die anderen Elemente miteinander verbindet, liegt auch das Potenzial XML-basierten Publizierens weniger in einem einzelnen zusätzlichen Inhalt als in der Verbindung unterschiedlicher Wissensressourcen. Ausgehend von den Heidelberger Erfahrungen und ersten Erprobungen fragt der Vortrag, wie ein solches „neues Level“ wissenschaftlichen Publizierens aussehen könnte – und was dafür noch getan und entwickelt werden muss.
Dr. Maria Effinger ist Leiterin der Abteilung Publikationsdienste der Universitätsbibliothek Heidelberg, Geschäftsführerin von Heidelberg University Publishing (heiUP), Fachreferentin für Kunstgeschichte und Projektleiterin u.a. von arthistoricum.net. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem: Elektronisches Publizieren im Open Access sowie das Projektmanagement für vielfältige Projekte im Bereich des Kulturellen Erbes und der Digital Humanities.

11:00–11:30 Uhr Kaffeepause

11:30–13:00 Uhr SEKTION 2: Bilder in Wissensnetzen(Moderation: Thorsten Wübbena, IEG Mainz)
In der Sektion ‘Bilder in Wissensnetzen’ unter dem Tagungsmotto ‘Out of Frame’ diskutieren wir eine zentrale Herausforderung digitaler Bildwissenschaften, nämlich Bilder nicht nur technisch zu vernetzen, sondern ihre Kontexte, Dimensionen und Bedeutungsverschiebungen mitzudenken. 3D-Modelle, digitale Rekonstruktionen und virtuelle Umgebungen sind nicht länger bloße Abbilder, sondern dynamische, prozessuale Wissensräume, in denen Perspektive, Maßstab und Materialität variabel werden. Sie erlauben es, Objekte, Räume und historische Konstellationen nicht nur zu betrachten, sondern darin zu navigieren, sie zu manipulieren und hypothetisch zu verändern. KI-generierte Bilder stellen diese Verschiebungen weiter auf die Probe, da sie nicht auf einer referenziellen Beziehung zu einem konkreten Gegenstand beruhen, sondern aus statistischen Relationen großer Bilddatensätze hervorgehen. Sie erzeugen visuelle Evidenz ohne unmittelbares Original und destabilisieren damit etablierte Konzepte von Indexikalität, Autorschaft und Bildwahrheit. Zugleich werden sie zunehmend in wissenschaftlichen Kontexten eingesetzt und machen es notwendig, ihre Produktionsbedingungen, Trainingsdaten und impliziten Normierungen kritisch mitzudenken. In einem weiteren Zusammenhang gewinnt die Frage nach Bildähnlichkeit eine neue epistemische Brisanz. Ähnlichkeit fungiert zunehmend nicht mehr als visuell-intuitive Kategorie, sondern als rechnerisch erzeugtes Maß, das auf Merkmalsextraktion, Vektorräumen und algorithmischen Vergleichsoperationen beruht.


Marc Grellert (TU Darmstadt): Bild + Modell

Abstract folgt.

Katrin Glinka (HTW Berlin): Zwischen Kontinuität und Transformation: Potenziale maschinellen Lernens in der Museumsdokumentation

Abstract folgt.

Peter Bell (Universität Marburg): Kanon, Bias und kunsthistorische Datenbanken

Abstract folgt.

13:00–14:00 Uhr Mittagspause

14:00–18:00 Uhr BARCAMP (Moderation: Bettina Pfleging, Universität zu Köln)


u.a. Grischka Petri (FIZ Karlsruhe), Jürgen Hermes (Universität zu Köln): zu verschiedenen Themen, z.B. Bildrecht und LLMs

ab 18:30 Uhr Jubiläumsfeier mit Festrede von Ute Verstegen (FAU Erlangen) und Georg Hohmann (Deutsches Museum München)

2. Oktober 2026

09:30–11:00 Uhr SEKTION 3: Transformation der Wissenschaften(Moderation: Holger Simon, Bergbau-Museum Bochum)
In der Sektion ‘Transformation der Wissenschaften’ unter dem Tagungsmotto ‘Out of Frame’ verstehen wir diese Transformation als einen Prozess, der etablierte Denk-, Raum- und Wissensordnungen bewusst verlässt. Komplexe Fragestellungen lassen sich zunehmend nur noch an den Schnittstellen zu Informatik, Natur-, Sozial- und Medienwissenschaften bearbeiten. Disziplinäre Grenzen verlieren an Trennschärfe, während hybride Methoden und neue Fragestellungen im Digitalen entstehen. Insbesondere generative KI-Anwendungen fordern die Forschungspraxis und Wissensproduktion heraus. Sie verschieben die Rolle der Forschenden von alleinigen Produzent*innen hin zu Kurator*innen und Interpret*innen maschinell generierter Inhalte. Damit stehen traditionelle Vorstellungen von Autor*innenschaft, Originalität und wissenschaftlicher Expertise auf dem Prüfstand. Das gleiche gilt für die Softwareentwicklung, die durch Zuhilfenahme von KI grundlegend verändert wird. Technische Expertise, Kreativität und Kontrolle sind Aspekte, die Auseinandersetzung fordern. Programmieren wird zunehmend zu einer dialogischen, iterativen Praxis zwischen menschlichen Entwickler*innen und maschinellen Systemen. Code entsteht dabei nicht mehr ausschließlich aus intentionalem Entwurf, sondern in Aushandlungsprozessen, die Vorschläge, Korrekturen und probabilistische Entscheidungen integrieren. Auch die aktuelle Entwicklung digitaler Spiele fordert die Forschungspraxis und Wissensproduktion. Allgemein bekannte Vorstellungen von Raum, Perspektive und Kausalität werden aufgebrochen, denn digitale Spiele befassen sich inzwischen auch mit nicht-euklidischen Räumen und erweiterten Formen virtueller Realität. Diese Umgebungen eröffnen zugleich neue epistemische Zugänge: Wissen wird nicht nur beschrieben, sondern erfahrbar, begehbar und experimentell verhandelbar.


Ingmar Mundt (Weizenbaum-Institut e.V., Berlin): Generative KI in der Wissenschaft: eine neue ‘epistemic authority’

Generative KI hält zunehmend Einzug in Praktiken wissenschaftlicher Wissensproduktion und wirft damit die Frage auf, ob und unter welchen Bedingungen epistemische Autorität zugeschrieben wird. Begleitet wird die Diskussion von Abgesängen auf das Ende der Kreativität oder wissenschaftlicher Theorien auf der einen Seite oder aber der unendlichen Möglichkeiten neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auf der anderen. Der Vortrag untersucht epistemische Autorität dabei nicht als stabile Eigenschaft technischer Systeme, sondern als relationale Praktiken, die sich in der Interaktion zwischen Forschenden, generativer KI und institutionellen Wissensordnungen konstituiert. Auf Grundlage empirischer Befunde zur Nutzung und Bewertung generativer KI in der Wissenschaft wird gezeigt, in welchen epistemischen Tätigkeiten Forschende bereit sind, Urteile, Bewertungen oder Wissensansprüche an KI-Systeme zu delegieren und wo sie entsprechende Grenzziehungen vornehmen. Im Zentrum steht damit die Frage, wie sich epistemische Agency, Expertise und Autorität zwischen menschlichen und technischen Akteuren neu verteilen und welche Formen der Legitimation diese Verschiebungen begleiten. Es soll gezeigt werden, dass generative KI weniger als neue epistemische Autorität an sich zu verstehen ist, sondern als Bestandteil soziotechnischer Konstellationen, in denen epistemische Autorität neu ausgehandelt, verteilt und stabilisiert wird.
Ingmar Mundt ist Techniksoziologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe „Reorganisation von Wissenspraktiken“ am Weizenbaum Institut für die vernetzte Gesellschaft. Im BMFTR gefördertem Forschungsprojekt „Generative KI in der Wissenschaft: Wie verändert sich die wissenschaftliche Praxis“ untersucht er mit Anne Krüger wie genKI-Tools in den Forschungsprozess und die Praktiken der Wissensproduktion von Wissenschaftler:innen integriert werden und welche Bedarfe, Möglichkeiten, aber auch Konsequenzen für die wissenschaftliche Erkenntnisproduktion hieraus entstehen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen neben den sozio-materiellen Fragen (generativer) Künstlicher Intelligenz auch in den der Bedeutung von algorithmischen Systemen (predictive analytics) in der Produktion von Zukunftsprognosen sowie den Critical Data and Algorithm Studies.

Nils Reiter (Universität zu Köln): Geschenkte Gäule und Wartungsschulden — Programmieren (lernen) mit KI

Dass KI-Modelle im Allgemeinen recht gut darin sind, lauffähigen Programmcode zu erzeugen, liegt nahe angesichts der formalen Eigenschaften von Programmiersprachen. Der Vortrag beleuchtet drei Aspekte dieser Entwicklung: Erstens den geschenkten Gaul, dem man nicht ins Maul schaut — den Gewinn für Nischen- und Spezialanwendungen, für die bislang weder ein kommerzieller Markt noch ausreichendes Hobby-Interesse bestand. Zweitens die Wartungsschulden, die sich aus der Wartbarkeit und Weiterverwendbarkeit von KI-generiertem Code ergeben: Code, der heute mühelos entsteht, aber morgen bezahlt werden will. Und drittens die Frage, was das für die Aus- und Weiterbildung derjenigen bedeutet, denen Programmieren als Werkzeug dient statt als Beruf — etwa Wissenschaftler:innen oder Studierende in den Digital Humanities und darüber hinaus, die sich fragen, wie viel dieses Handwerks sie sich unter diesen Bedingungen wozu eigentlich noch aneignen sollten.
Nils Reiter ist Professor für Digital Humanities und Computerlinguistik an der Universität zu Köln sowie Leiter des Data Center for the Humanities. Er studierte Computerlinguistik und Informatik an der Universität des Saarlandes und promovierte an der Universität Heidelberg in einem Projekt an der Schnittstelle von Indologie und Computerlinguistik. Nach mehreren Jahren als Postdoc und wissenschaftlicher Koordinator am Institut für Maschinelle Sprachverarbeitung der Universität Stuttgart, unter anderem im Centre for Reflected Text Analytics (CRETA), ist er seit 2019 in Köln tätig. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Operationalisierung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen und Konzepte, insbesondere in der quantitativen Analyse literarischer Texte. In jüngerer Zeit beschäftigt er sich verstärkt mit dem Einsatz von KI-Modellen und großen Sprachmodellen (LLMs) in den Geisteswissenschaften — von ihrer Rolle in der reflektierten Textanalyse bis zu Fragen ihrer verantwortungsvollen Anwendung in Forschung und Lehre.

Jonas Zimmer (TH Köln): VR und nicht-euklidische Räume (Arbeitstitel)

Abstract folgt.


11:00–11:30 Uhr Kaffeepause

11:30–13:00 Uhr SEKTION 4: Credibility(Moderation: Georg Schelbert, ZI München)
In der Sektion ‘Credibility’ unter dem Tagungsmotto ‘Out of Frame’ stellen wir die Frage nach Glaubwürdigkeit neu. Glaubwürdigkeit ist nicht länger eine stabile Eigenschaft von Institutionen, Objekten oder Autor*innenschaften, sondern ein relationales, technisch vermitteltes und dynamisches Gefüge. Gedächtnisinstitutionen wie Archive, Bibliotheken und Museen stehen dabei vor der Herausforderung, ihre Rolle als Garanten von Authentizität und Verlässlichkeit unter digitalen Bedingungen neu zu definieren. Digitale Objekte sind kopierbar, versionierbar und kontextabhängig; ihre Glaubwürdigkeit ergibt sich weniger aus ihrer physischen Materialität als aus Metadaten, Provenienzinformationen und institutionellen Praktiken der Auswahl, Pflege und Kontextualisierung. Digitale Signaturen und kryptografische Verfahren versprechen in diesem Zusammenhang neue Formen der technischen Absicherung bezüglich Authentizität, Integrität und Urheberschaft. Eng damit verknüpft ist die Frage der Datensouveränität. Credibility hängt zunehmend davon ab, ob Datenherkunft, Erhebungsbedingungen und Nutzungskontexte nachvollziehbar sind. In digitalen Wissensräumen wird Glaubwürdigkeit somit nicht nur durch Korrektheit, sondern auch durch Verantwortung, Teilhabe und Rechenschaftspflicht konstituiert. Wikipedia schließlich fungiert als paradigmatischer Ort dieser Verschiebungen, operiert als kollaboratives, versionsbasiertes und weitgehend nicht-institutionelles Wissensprojekt jenseits klassischer Autoritätsmodelle. Es etabliert stattdessen prozedurale Formen von Credibility durch Nachvollziehbarkeit von Änderungen, Verweispraktiken, Diskussionsseiten und community-basierten Kontrollmechanismen. Gerade in ihrer Offenheit macht Wikipedia sichtbar, dass Glaubwürdigkeit nicht vorausgesetzt, sondern fortlaufend ausgehandelt wird.


Leslie Zimmermann (Universität Mannheim): Algorithmen lügen fehlerfrei: Vertrauensfragen im Museum

Das Vertrauen in Museen gilt als gesichert. Generative KI verschiebt jedoch, woran sich Glaubwürdigkeit bemisst, denn fehlerfreie Plausibilität lässt sich in beliebiger Menge erzeugen. Ob ein Ergebnis erarbeitet oder fiktives KI-Erzeugnis ist, ist ihm daher nicht mehr anzusehen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, müssen Museen ihre Methoden und Unsicherheiten ausstellen, statt nach außen allein das fertige Ergebnis zu präsentieren.
Leslie P. Zimmermann ist Referent für Künstliche Intelligenz (KI) und Digitalstrategie an den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und lehrt am Lehrstuhl für Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit der Universität Mannheim. Zuvor arbeitete er als Referent für Digitale Strategie bei der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Städel Museum in Frankfurt am Main. Er studierte Kunstgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt sowie Philosophie und Soziologie an der Universität Kassel. Er ist Co-Sprecher der Fachgruppe Dokumentation des Deutschen Museumsbund.

Susanne Kurz (Universität zu Köln): Out of Trust? Digitale Kulturgüter im Zeitalter generativer KI

Generative künstliche Intelligenz verändert die Voraussetzungen wissenschaftlicher Arbeit mit digitalen Forschungsobjekten und stellt Kulturerbeinstitutionen vor neue Herausforderungen. Eine dieser Herausforderungen besteht darin, dass nicht mehr allein die Verfügbarkeit digitaler Forschungsobjekte entscheidend ist, sondern auch die Frage, nach welchen Kriterien sie als vertrauenswürdig gelten können.
Für die bildbasierte Forschung gilt dies in besonderer Weise. Digitale Repräsentationen von Kulturgütern bilden meist die Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens. Doch wie lässt sich Vertrauen in diese Objekte begründen, wenn Herkunft, Entstehung und Transformationsgeschichte nicht nachvollziehbar sind?
Der Vortrag entwickelt Kriterien für die Vertrauenswürdigkeit solcher digitaler Repräsentationen. Ausgehend von traditionellen kunsthistorischen Konzepten wie Provenienz, Authentizität und Quellenkritik wird argumentiert, dass diese Konzepte einer Erweiterung um digitale Vertrauensinformationen bedürfen. Zentral sind dabei nicht die Eigenschaften des Bildes selbst, sondern die Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Überprüfbarkeit und Integrität der Vertrauensinformation über den Entstehungskontext inklusive der wissenschaftlichen Erschließung und Kontextualisierung. Kulturerbeinstitutionen entwickeln sich damit von Anbietern digitaler Repräsentationen zu Vertrauensinfrastrukturen. Sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Forschende die Vertrauenswürdigkeit digitaler Repräsentationen von Kulturgütern fundiert beurteilen können.

Lukas Fuchsgruber (Wikimedia Deutschland): Glaubwürdigkeit im Wikiversum: Vernetztes Wissen und Community-Engagement

Das Wikiversum – Plattformen wie Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata – gewinnt an Bedeutung für Kulturerbe-Institutionen, die Menschen an ihrem Wissen beteiligen wollen. Für Sammlungsdaten ist hier besonders Wikidata relevant, denn diese Plattform funktioniert als Knotenpunkt der Vernetzung zwischen digitalen Sammlungen und anderen Wissensspeichern (durch das Prinzip von Linked Open Data) und bietet Möglichkeiten der kollaborativen Arbeit. Was Wikidata so besonders macht, sind sowohl die technischen Möglichkeiten, als auch die Community, die hier aktiv ist.
Lukas Fuchsgruber ist Kunsthistoriker und Museumsforscher in Berlin. Seit Juni 2025 arbeitet er als Manager für digitales Kulturerbe bei Wikimedia Deutschland. Zuvor war er mehrere Jahre als Postdoc an der TU Berlin im Projekt „Museums and Society – Mapping the Social” und führte eine Fallstudie zur Relevanz digitaler Museumssammlungen für die kritische Museologie durch. Sein Buch über diese Forschung erschien im Oktober 2025 unter dem Titel „Museen und die Utopie der Vernetzung“.